EMDR

EMDR

EMDR bedeutet: Eye Movement Desensitization and Reprocessing, im Deutschen: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen.

EMDR unterstützt die Verarbeitung belastender Gedächtnisinhalte und traumatisierender Erinnerungen und Erfahrungen.

Entwicklung

Die Entwicklerin des EMDR ist die klinische Psychologin Francine Shapiro, USA. Sie ist außerordentliches Forschungsmitglied des Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto (Kalifornien). Ende der 80er Jahre entdeckte sie durch eine eigene Krankheits- und Genesungserfahrung eher zufällig den entlastenden Effekt von Augenbewegungen, den sie in einer ersten Studie untersuchte und weiterentwickelte u.a. durch die Entdeckung weiterer effektiver Stimulationsmodi (Handberührungen und akustische Signale). Unter Einbeziehung einer strukturierenden kognitiven Komponente (Verhaltenstherapie) entwickelte Shapiro bis 1991 die heutige Eye-Movement Desensitization and Reprocessing-Methode, die international unter EMDR bekannt ist.

Zum Funktionieren des EMDR wird angenommen, dass durch die bilaterale Stimulation mittels bestimmter Augenbewegungen, akustischer oder taktiler Reize, eine Synchronisation und Reorganisation unter den Gehirnhälften stattfinden kann, die durch das traumatische Erleben, durch Schock, Erschrecken etc. zu einer Dysfunktionalität der Gehirnhälften geführt hat. 2006 hat der wissenschaftliche Beirat für Psychotherapie EMDR als wissenschaftlich begründete Psychotherapiemethode anerkannt.

Grundannahmen

Das menschliche Gehirn ist in mehrere Areale unterteilt: der stammesgeschichtlichen älteren Teil unseres Gehirns, der unsere instinktiven Reaktionen steuert und Erlebnisse als miteinander verknüpft und Sinneseindrücke speichert (Hören, Riechen, Schmecken, Körperempfindungen, Emotionen und innere Bilder) wird auch das „emotionale Gehirn“ genannt.

Daneben gibt es den „Neocortex“, die entwicklungsgeschichtlich relativ junge Großhirnrinde. Sie wird auch das „kognitive Gehirn“ genannt. In der Großhirnrinde wird das logisches Denken, die Sprache und die Einordnung von Erlebnissen in Raum und Zeit repräsentiert. Beim Abspeichern und späteren Erinnern von Erlebnissen sind normalerweise „emotionales“ und „kognitives Gehirn“ gut miteinander vernetzt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass bei der Verarbeitung von Informationen in den REM-Phasen des Schlafs automatisch Augenbewegungen durchgeführt werden, die denen des EMDR ähneln.

SCHOCK!!! – DIE VERNETZUNG VON EMOTIONALEM UND KOGNITIVEM GEHIRN WIRD UNTERBROCHEN

Bei lebensbedrohlichen und überfordernden Ereignissen reagiert unser Organismus mit einem Schock: eine der drei Überlebensfunktionen : fight (Kampf, Angriff), flight (Flucht) oder freeze (Erstarren: Kampf und Flucht sind nicht möglich) tritt ein. Treten diese Überlebensfunktionen ein, wird die Informationsverarbeitung des sogenannte „kognitive Gehirn“ ganz oder teilweise vom „emotionalen Gehirn“ getrennt bzw. unterbrochen.

Im Fühlen und Empfinden kann das geschehene Ereignis nicht als vergangen erkannt werden. Ein traumatisches Ereignis ist immer gegenwärtig, da keine Informationsverarbeitung stattfinden konnte.

EMDR praktisch

Eine Traumaverarbeitung nach EMDR gliedert sich in acht Schritte:

  1. Anamnese und Behandlungsplanung
  2. Stabilisierung und Vorbereitung des Patienten
  3. Bewertung des Traumas
  4. Desensibilisierung und Prozessieren
  5. Verankerung
  6. Körpertest
  7. Abschluss
  8. Nachbesprechung.

In den ersten drei Schritten wird gemeinsam der Ist- Stand der Situation erarbeitet. Eine genaue(systemische) Anamnese des oder der traumatischen Ereignisse, sowie die gegenwärtigen Lebensbedingungen des Patienten sind für die Behandlungsplanung und Erfolg sehr wichtig. Die traumatische Situation wird durch einen „Glaubenssatz“ bewertet, der momentan zählt z.B. „ Ich kann das nicht aushalten“. Ein positiver selbstwertschätzender und aktiver Glaubenssatz wird erarbeitet, wie der Patient sich gerne sehen möchte: z.B. „ Es ist vorbei , ich habe die Situation gut überstanden, ich lebe mein Leben“

Ressourcen werden erarbeitet und verankert. Alle Patienten müssen über Selbstberuhigungsmechanismen bei starken Emotionen verfügen, bzw. Techniken dazu erlernen, beispielsweise der achtsame und selbsteinfühlsame Umgang mit Körperempfindungen und Gefühlen oder das gezielte Distanzieren von überwältigenden Gefühlen.

Diese Phase kann einige Zeit in Anspruch nehmen und ist unabdingbar wichtig für die folgende Phase, die Phase, dem Kernstück des EMDR, der Desensibilisierung und des Prozessierens: dabei erinnert sich der Patient unter strukturierter, klarer und behutsamer Anleitung an die traumatische Situation. Durch die anschließenden geführten Augenbewegungen nach links und rechts, werden abwechseln Impulse an die linke und rechte Gehirnhälfte gesandt, die dazu führen, dass fragmentierte Informationssplitter sich Stück für Stück zu einer ganzheitlichen Erinnerung formen, die vom kognitiven Gehirn nun als “Vergangenheit” erkannt wird. Der Patient empfindet dies in der Regel sehr direkt als emotionale Entlastung.

Die Phase der Desensibilisierung und des Prozessierens kann einen oder mehrere Termine in Anspruch nehmen.

In der dritten und Abschlussphase ist es zu einer Neuorientierung und Integration gekommen. Neue Erkenntnisse, Gefühle, Glaubensätze und Empfindungen stellen sich ein, das Trauma kann neu bewertet werden, der traumatische Stress ist verschwunden, bzw. nicht mehr dem gegenwärtigen Leben hinderlich. Das „Neue“ wird verankert und im Körpertest überprüft. Es folgt der Abschluss mit dem Ausblick nach vorne. Ich lege großen Wert auf eine weitere Sitzung nach einigen Wochen bzw. auf ein Feedback des Patienten nach einiger Zeit über sein Befinden nach der Arbeit mit EMDR, um „Reste“ oder „noch Offenes“ noch einmal anzuschauen und aufzuarbeiten.